Patienteninformationen

Rückenschmerzen

Ursachen verstehen, Wirbelsäule stabilisieren, Rückfälle vermeiden

Mann hält sich Nacken und unteren Rücken

Dr. Bülent Kılıç · Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie

Auf einen Blick

  • Die meisten Rückenschmerzen sind funktionell bedingt – also durch Muskeln, Blockierungen und Fehlbelastungen, nicht durch einen „Schaden“ an der Wirbelsäule.
  • Häufigste Ursache ist eine Schwäche der tiefen Rumpfmuskulatur mit daraus folgenden muskulären Dysbalancen.
  • Stress und psychische Belastung können Rückenschmerzen deutlich verstärken.
  • Langfristig hilft vor allem das gezielte Training der Tiefenmuskulatur – das senkt auch das Risiko für Rückfälle.

Was sind die Ursachen von Rückenschmerzen?

Die Ursachen für die Entstehung von Rückenschmerzen können vielfältig sein. Um sie näher bestimmen zu können, muss man zunächst wissen, wie die Wirbelsäule strukturell und funktionell aufgebaut ist und welche dieser Strukturen und/oder Funktionen gestört sind und womöglich für den Schmerz verantwortlich sind. Eine ausführliche Schmerzanamnese mit einer anschließenden körperlichen Untersuchung und ggf. eine weiterführende bildgebende Diagnostik sind somit für die anschließende Therapie unerlässlich.

Das Empfinden von Schmerz findet im Gehirn statt. Schmerz ist ein Gefühl und somit ein Bestandteil unseres Sinnessystems, so wie Sehen und Hören. Verschiedene Faktoren können die Wahrnehmung des Schmerzes im Gehirn beeinflussen, wie z. B. ein positives oder negatives Erlebnis. Und genau deshalb dürfen außer den körperlichen Faktoren eine unausgeglichene Psyche, negativer Stress im privaten und beruflichen Bereich, kognitive Bewertung von Schmerz, depressive Verstimmung und vieles mehr nicht außer Acht gelassen werden. Solche psychosozialen Faktoren können bei der Schmerzwahrnehmung und -verarbeitung eine wichtige Rolle spielen und müssen ebenfalls professionell behandelt werden (siehe auch „Vegetatives Nervensystem“).

Das stabilisierende System der Wirbelsäule

Die Wirbelsäule als zentrales Achsorgan des Rumpfes hat im Wesentlichen die Aufgabe, das Rückenmark zu schützen, das als wichtigster Bestandteil des Zentralnervensystems im Wirbelkanal verläuft. Der Lendenwirbelsäule kommt hierbei eine besondere Bedeutung zu, weil sie die ganze Last des Rumpfes trägt und über das Becken an die unteren Extremitäten weitergibt.

Das stabilisierende System an der Lendenwirbelsäule besteht aus drei Anteilen:

1. Lokales System

stabilisierende Tiefenmuskulatur

Hält die Wirbelsäule aufrecht und schützt sie – schon bevor eine Bewegung beginnt.

2. Globales System

bewegende Muskulatur

Lange, oberflächliche Muskeln für schnelle und kraftvolle Bewegungen.

3. Passives System

Knochen, Bänder, Bandscheiben

Wird von einer gut funktionierenden Rumpfmuskulatur geschützt und gestützt.

1. Das lokale stabilisierende Muskelsystem

Die lokalen stabilisierenden Muskeln sind in der Regel Muskeln in der Nähe von Gelenken, die aufgrund ihrer anatomischen Lage und Eigenschaften für die Führung und Stabilisierung der Gelenke verantwortlich sind – sowohl in Ruhe als auch während einer Bewegung. So lassen die stabilisierenden lokalen Muskeln (Rumpfmuskeln) unseren Körper aufrecht stehen und stabilisieren die Wirbelsäule in ihrer Form und Aufrichtung, ohne dass eine von außen sichtbare Bewegung zu erkennen ist. Im Allgemeinen sieht man die Rumpfmuskulatur als Basis aller Körperbewegungen. Die stabilisierenden Muskeln werden schon vor den bewegenden Muskeln aktiviert, damit sich die Lendenwirbelsäule unter Belastung in allen Bewegungsebenen so wenig wie möglich selbst bewegt und somit geschützt wird.

Die Rumpfmuskulatur umfasst alle Muskeln, die mit den Hüften, dem Schambein und der Lendenwirbelsäule verbunden sind; auch die Muskeln des Schultergürtels zählen dazu. Für eine optimale Rumpfstabilität müssen die Beckenbodenmuskeln aktiviert und das Muskelkorsett um die Lendenwirbelsäule (Mm. multifidi und M. transversus abdominis) samt Zwerchfell angespannt sein. Die Mm. multifidi und der M. transversus abdominis bilden einen muskulär-bindegewebigen Stabilisationsgürtel, der zusammen mit Beckenboden und Zwerchfell einen Stabilisationszylinder ergibt.

Von essentieller Bedeutung für eine optimale Stabilisation der Lendenwirbelsäule sind auch die hüft- und beckenstabilisierenden Muskeln (Mm. glutei). Sie gewährleisten durch Stabilisation des Hüftgelenkes und Einstellung der Beckenposition die stabile Basis für die Lendenwirbelsäule, die dem Becken wie ein Schiffsmast aufsitzt.

Da unsere Füße unser ganzes Körpergewicht durchs Leben tragen, darf auch die Fußstabilität nicht außer Acht gelassen werden. Eine Insuffizienz der Fußstabilität hat Auswirkungen auf alle nachgeschalteten Gelenke und Muskeln (siehe „Fuß, Laufstil & Schuhwerk“).

2. Das globale bewegende Muskelsystem

Sobald wir uns bewegen, kommen die globalen bewegenden Muskeln zum Einsatz. Sie sind für jegliche Bewegungen verantwortlich, bestehen aus langen, eher oberflächlich liegenden Muskeln mit primär bewegender Funktion und können Bewegungen der Wirbelsäule und Extremitäten schnell und mit hoher Kraft ausführen.

3. Das passive Stützsystem

Das passive Stützsystem besteht aus den knöchernen Bestandteilen der Wirbelsäule, Kapsel und Bandapparat, den Bandscheiben, dem zentralen Nervensystem (Rückenmark) und dem peripheren Nervensystem (Nervenwurzeln). Eine optimal funktionierende Rumpfmuskulatur schützt und stützt diese passiven Strukturen. Bei konstitutionell hypermobilen Menschen ist dieses passive Stützsystem elastischer, weshalb den lokal stabilisierenden Muskeln eine noch größere Bedeutung zukommt (siehe „Konstitutionelle Hypermobilität / EDS“).

Über ein kompliziertes Kontroll- und Steuerungssystem unseres Nervensystems werden die beiden Muskelsysteme bei Haltung und Bewegung zum richtigen Zeitpunkt und in der richtigen Reihenfolge aktiviert. Nur bei optimaler Funktion und Koordination der bewegenden und haltenden Muskulatur ist Stabilität gewährleistet und schmerzfreie Bewegung und Haltung möglich. Ist diese Zusammenarbeit gestört, sprechen wir von muskulären Dysbalancen.

Wie entstehen muskuläre Dysbalancen?

Der Grund für die unzureichende Arbeit der stabilisierenden Muskeln liegt meist in:

  • monotonen Körperhaltungen beim Arbeiten im Sitzen und Stehen
  • mangelnder körperlicher Beanspruchung
  • einseitiger Belastung beim Sport oder im Alltag
  • falscher Bewegungsausführung
  • Verletzungen am Bewegungsapparat
  • einseitigem Krafttraining im Fitnessstudio

Beim üblichen Training im Fitnessstudio wird oft vor allem die bewegende Muskulatur trainiert. Mit der Zeit entsteht so ein Ungleichgewicht: Die bewegende Muskulatur prägt sich gut aus, die stabilisierenden Muskeln bleiben auf der Strecke und sind meist sehr schwach. Ohne eine effektive lokale Rumpfmuskulatur ist die Lendenwirbelsäule maximalen Schub- und Scherkräften ausgesetzt – ein optimaler Gelenkschutz durch die lokalen haltenden Muskeln ist nicht gewährleistet.

Die Schwäche der stabilisierenden tiefen Muskulatur führt dazu, dass die langen oberflächlichen Muskeln die Haltearbeit übernehmen. Dafür sind diese über längere Zeit jedoch weder steuerungs- noch stoffwechselmäßig geeignet. Sie werden überlastet und schmerzen durch die Ausbildung von Triggerpunkten/Tendomyosen.

Typisch für diese häufigsten, haltungsabhängigen Rückenschmerzen: Sie treten beim Sitzen und Stehen auf und bessern sich z. B. beim schnellen Gehen. Das unterscheidet sie von strukturell bedingten Schmerzen (z. B. bei Arthrose), die besonders bei Bewegung und Belastung auftreten.

Was sind die Folgen einer muskulären Dysbalance?

Blockierungen und BandscheibenvorfallDurch eine Schwäche der lokalen Muskeln kann es bei intensiver Bewegung, Sturz oder Stoß zu schmerzhaften, immobilisierenden Blockierungen (Funktionsstörungen) am Rücken kommen – z. B. bei einem „Hexenschuss“ – oder gar zu einem Bandscheibenvorfall mit Reizung der benachbarten Nervenwurzeln.
Verspannungen und TriggerpunkteEine Fehl- oder Überbelastung führt bei einigen Muskeln zur Verkürzung bei erhaltener Kraft, bei anderen typischerweise zur Abschwächung bei normaler Länge. In beiden Fällen können die Muskeln schmerzen und Triggerpunkte (Tendomyosen) entwickeln – eine Art schmerzhafte, nicht bakterielle Entzündung von Muskel- und Sehnengewebe. Die Folgen sind z. B. eine verspannte Nacken- und Schultermuskulatur, auch Kopfschmerzen und Schwindel können auftreten.
VerschleißWährend am Anfang ein muskuläres Problem vorliegt, kann eine unbehandelte, anhaltende muskuläre Dysbalance im weiteren Verlauf zu strukturellen Schäden an Wirbelkörpern und Bandscheiben führen. Über eine schlechte Körperhaltung mit Fehlbelastung der Wirbelsäule kann es zu Verschleißerscheinungen kommen (Bandscheibenprotrusionen, Osteochondrose, Facettengelenksarthrose, Spinalkanalstenose, Wirbelgleiten …), die dann ebenfalls Schmerzen verursachen können.
Geringere BelastbarkeitDie Belastbarkeit des Bewegungsapparates (Gelenke, Muskeln, Sehnen, Bänder) wird herabgesetzt, die Verletzungsanfälligkeit erhöht.

Zusammenfassend kann man sagen, dass vor allem statisch-dynamische Fehlbelastungen verbunden mit einer Schwäche des lokalen tiefen Muskelsystems oftmals Auslöser unspezifischer Rückenschmerzen sind. Eine unphysiologische Körperstatik und neuromuskuläre Defizite führen zur Überlastung des Gewebes mit funktionellen und strukturellen Veränderungen und schließlich zu Schmerzen.

Welche Symptome deuten auf eine Rumpfinstabilität hin?

  • plötzlich einschießende Schmerzen in der Lenden- oder Halswirbelsäule bei Bewegung, z. B. beim Bücken oder schnellen Umdrehen
  • das Gefühl, der Rücken bricht durch oder der Kopf wird nicht vom Hals getragen
  • Schmerzen und Steifheit nach dem Aufstehen aus der Bauchlage oder nach längerem Sitzen im Auto oder am Schreibtisch
  • Schmerzen und Steifheit morgens nach dem Aufstehen
  • Schmerzen nach anstrengenden Tätigkeiten wie längerem Tragen von Gewichten (z. B. beim Einkauf)
  • häufig wiederkehrende (rezidivierende) Schmerzattacken

Diese Symptome können allerdings auch andere Ursachen haben. Sie sind Hinweise für den Arzt, die weitere Diagnostik in bestimmte Bahnen zu lenken.

Wann Sie sofort ärztliche Hilfe brauchen

Suchen Sie umgehend einen Arzt oder die Notaufnahme auf, wenn zu den Rückenschmerzen eines der folgenden Warnzeichen hinzukommt:

  • Lähmungen oder zunehmende Schwäche in Beinen oder Füßen
  • Taubheitsgefühl im Gesäß-, Genital- oder Analbereich
  • Probleme beim Wasserlassen oder Stuhlgang
  • Fieber, Schüttelfrost oder ungewollter Gewichtsverlust
  • Rückenschmerzen nach einem Unfall oder Sturz

Diagnostik und Behandlung in unserer Praxis

Grundlage ist ein ausführliches Gespräch und die schulmedizinische, manualmedizinisch-orthopädische Untersuchung – bei Bedarf ergänzt durch Röntgen, MRT, CT oder Labor. Je nach Ursache stehen unter anderem folgende Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung:

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Was ist das Ziel der Behandlung?

Das Hauptziel in der Behandlung von Rückenschmerzen ist nicht ausschließlich die vorübergehende Linderung der Symptome, sondern – aufgrund der Neigung zu Rückfällen und Chronifizierung – der langfristige Therapieerfolg und die Vermeidung von Rezidiven.

Nahziele

  • Erlernen des Aktivierens der tiefen Muskulatur über Wahrnehmungsschulung
  • Verbesserung der Kraftausdauer der tiefen Muskulatur
  • Integration beider Muskelsysteme (global und lokal): Aktivität ohne Verlust von Stabilität
  • automatisches Übertragen der korrekten Muskelaktivität in Alltagssituationen

Fernziele

  • Verbesserung der Wirbelsäulenstabilität und Reduktion der durch Instabilität verursachten Rücken-, Nacken- oder Kopfschmerzen in Dauer und Intensität
  • Verringerung der Rückfallquoten und Verhinderung einer Chronifizierung

Bis zum Erreichen der beiden Fernziele ist es für Patienten ein anspruchsvoller Weg, der Motivation und Mitarbeit voraussetzt:

3 Monateintensives, tägliches Üben
15 Minutenpro Tag – danach können die Übungseinheiten meist reduziert werden

Konstitutionell hypermobile Menschen sind bei einer Schwäche der tiefenstabilisierenden Muskulatur und der daraus resultierenden muskulären Dysbalance stärker von Gelenk- und Muskelschmerzen betroffen als nicht hypermobile Menschen. Das Training der Tiefenmuskulatur ist für sie besonders wichtig (siehe „Konstitutionelle Hypermobilität / EDS“).

Häufige Fragen zu Rückenschmerzen

Was sind die häufigsten Ursachen für Rückenschmerzen?

In den meisten Fällen sind Rückenschmerzen funktionell bedingt: Eine Schwäche der tiefen, stabilisierenden Rumpfmuskulatur führt zu muskulären Dysbalancen, Verspannungen, Triggerpunkten und Blockierungen. Auslöser sind häufig einseitige Haltungen im Sitzen oder Stehen, Bewegungsmangel, einseitige Belastung oder Verletzungen. Hinzu kommen Stress und psychische Belastungen, die die Schmerzwahrnehmung verstärken können. Strukturelle Ursachen wie Bandscheibenvorfall oder Arthrose sind seltener.

Wann sollte ich mit Rückenschmerzen zum Arzt gehen?

Wenn die Schmerzen länger als einige Tage anhalten, immer wiederkehren oder in Arme oder Beine ausstrahlen, sollten Sie sie ärztlich abklären lassen. Sofort ärztliche Hilfe brauchen Sie bei Lähmungen, Taubheit im Gesäß- oder Genitalbereich, Problemen beim Wasserlassen oder Stuhlgang, Fieber, ungewolltem Gewichtsverlust oder Rückenschmerzen nach einem Unfall.

Hilft Bettruhe bei Rückenschmerzen?

Nein. Bei den meisten Rückenschmerzen ist es besser, in Bewegung zu bleiben und den Alltag so normal wie möglich fortzuführen. Längere Bettruhe schwächt die Muskulatur und kann den Heilungsverlauf verzögern.

Brauche ich bei Rückenschmerzen ein MRT?

Nicht immer. Am Anfang stehen ein ausführliches Gespräch und die körperliche, manualmedizinische Untersuchung. Eine Bildgebung wie Röntgen oder MRT ist sinnvoll, wenn Warnzeichen vorliegen, die Beschwerden trotz Behandlung anhalten oder der Befund auf eine strukturelle Ursache hinweist.

Welche Übungen helfen gegen Rückenschmerzen?

Entscheidend ist das gezielte Training der tiefen, stabilisierenden Rumpfmuskulatur – also der Muskeln, die die Wirbelsäule von innen stützen (u. a. M. transversus abdominis, Mm. multifidi, Beckenboden und Zwerchfell). Für eine spürbare Verbesserung sind etwa 3 Monate tägliches Üben von 15 Minuten nötig. Die passenden Übungen sollten individuell angeleitet werden.

Was hilft bei einem Hexenschuss?

Ein Hexenschuss ist meist eine schmerzhafte Blockierung mit reflektorischer Muskelverspannung. Wärme, schonende Bewegung und gegebenenfalls Schmerzmittel lindern die Beschwerden. Mit Techniken der Manuellen Medizin lassen sich Blockierungen oft schnell lösen. Um Rückfällen vorzubeugen, sollte anschließend die tiefe Rumpfmuskulatur gekräftigt werden.

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